2009
10.05

Die erste Mitschrift des Wintersemesters 2009 ist fertig und steht somit zur Verfügung. Thema der Vorlesung bei Univ.-Prof. Dr.phil. Christoph Boyer sind die “Ostmitteleuropäischen Volksdemokratien in den Jahren 1945 bis 1989. Wie immer gilt, sollte jemand Fehler oder inhaltlichen Kauderwelsch entdecken, bitte per E-Mail oder Kommentarfunktion darauf hinweisen.

1. Termin – Einführung (05.10.2009)

Inhalt der Lehrveranstaltung

Überblick über  die Politik-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte der ostmitteleuropäischen staatssozialistischen Volksdemokratien. Fokus liegt hierbei auf vier Staaten: der sowjetischen Besatzungszone bzw. der daraus entstehenden DDR, Polen, Tschechoslowakei und Ungarn im Zeitraum von 1945-1989.

Organisatorische Modalitäten:

  • 13 Termine, jeweils Montags 11:15-12:45 (mit einer kurzen Unterbrechung um 12:00)
  • 3 Prüfungstermine: 1.2.2010, Anfang Sommersemester 2010, Mitte Sommersemester 2010
  • Entstehende Fragen werden auf einzelne „Spezial“-Stunden im Rahmen der LV zusammengezogen.
  • bei „Kommentarbedarf“ ist jederzeit eine E-Mail möglich bzw. auch die Sprechstunde Mo 16-17 Uhr (Anmeldung bei Fr. Ernsting [Nadine.Ernsting@sbg.ac.at])
  • Ungefähre thematische Aufteilung der 13 Termine: 1-3: Einführung und Vorgeschichte, 4-6: Tschechoslowakei, 7-8: DDR, 9-12: Polen und Ungarn
  • die Betrachtung dieser hochpolitischen Betrachtung erfolgt – soweit möglich – nach dem Grundsatz „sine ira et studio“ (= keine „moralisierenden Betrachtungen“)
  • es gibt kein Skriptum zur Vorlesung
  • in jeder Einheit werden „neue“ bzw. „wichtige“ Begriffe und Personen, die nicht als „allgemein bekannt“ angesehen werden auf Folien präsentiert.

Begriffserklärungen

Ostmitteleuropa

Grob gesprochen: Die Zone zwischen Deutschland und Russland (West/Ost) bzw. zwischen Ostsee/Adria (Nord/Süd). „Echte“ geographische Abgrenzungen, wie etwa ein Gebirgszug oder Fluss, existieren nicht. Abwertend wurde früher diese Region auch „Zwischeneuropa“ genannt.

Innerhalb dieser Zone lassen sich grobkörnig zwei „Kulturzonen“ unterteilen. Auf der einen Seite die in der Tradition der abendländischen, lateinischen (=“katholischen“) Kirche stehenden Länder, wie Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei. Auf der anderen Seite die Kulturtradition der orthodoxen Kirche (Missionierung von Byzanz aus), wie Serbien, Rumänien oder die Ukraine.

Die Scheidelinie geht also bis auf das Mittelalter zurück. Ausdruck dieses Unterschieds ist bereits das unterschiedliche Alphabet (lateinisch bzw. kyrillisch). Auch entwickelte sich – auf Jahrhunderte gemittelt, ein anderes Demokratieverständnis im Bereich der lateinischen Tradition (Stichwort Investiturstreit) durch den ständigen Dualismus der weltlichen bzw. kirchlichen Seite, der in einer unabhängigen Zivilgesellschaft gipfelte. (Achtung! Kühne und globale These). Als Beispiel dieser eher „autokratischen“ Gesellschaft ist die unterschiedliche Demokratisierung dieser Länder nach 1989. Während Polen oder Ungarn nun in der Gesamteuropäischen Tradition stehen, sieht es in Russland (Stichwort Putin, Medwedew) anders aus.

Gibt es Ostmitteleuropa auch als historische/politische Einheit? (Jein!)

bis 1918: politische Dreiteilung des Raumes (Österreich-Ungarn, Russland, deutsches Kaiserreich). Erst nach dem ersten Weltkrieg manifestiert sich Ostmitteleuropa als Begriff. So z.B. in Frankreich als „cordon sanitaire“, also einem Schutzgürtel gegenüber der neu entstandenen Sowjetunion und außerdem als eine Sammlung möglicher Bündnispartner in einem neuerlichen Krieg gegen Deutschland (Weimarer Republik).

Im zweiten Weltkrieg wurde Ostmitteleuropa dann abermals als Bestrebung von Emigranten der besetzten Länder als eine Art des „mentalen Schutzes“ gegen die Vereinnahmung der nationalsozialistischen bzw. kommunistischen Ideen wiederbelebt. Bekannt vor allem durch das „Central European Affairs“, einem Magazin in den USA. Darin schlug z.B. Edvard Benes (vor dem Krieg Präsident der Tschechoslowakei) die Gründung einer „Ostmitteleuropäischen Föderation“ von Polen, der Tschechoslowakei, aber auch Österreich vor.

Eine gewachsene „politische Einheit“ in Ostmitteleuropa existierte nicht. Einzig rein künstlich-politische Einheiten waren existent. Erst die nationalsozialistische Besatzung und anschließend der durch die Hegemonie der Sowjetunion geschaffene politische Raum.

Begründung für die Auswahl der vier Staaten

Der Hauptgrund für diese spezielle Auswahl ist die Möglichkeit einen „passenden vier Länder Vergleich“ anstellen zu können. Dafür sind drei Punkte entscheidend:

  1. Alle vier Staaten befanden sich auf einem mittleren Entwicklungsniveau und waren demographisch bzw. allgemein statistisch ähnlich. Politisch handelte sich um kleine Mittelmächte, somit wäre weder ein Vergleich mit China (Großmacht) oder einem kommunistischen Land der dritten Welt (Kuba, Vietnam, Algerien…) zielführend. Es existierte einzig ein Gefälle im Industrialisierungsgrad (DDR und der Westen der Tschechoslowakei traditionell „Industrienationen“ während Ungarn und Polen traditionell „Agrarländer“ waren).
  2. Ein systemischer Zusammenhang und gegenseitige Beeinflussung, auch in „internen Angelegenheiten (Stichwort: Prager Frühling 1968 oder Ungarnaufstand 1956) und gegenseitiger „Lerneffekt.“ Etwas relativiert wird der Grad des Zusammenhanges, wenn man sich die entsprechende Entwicklung im Westen ansieht. (Stichwort: NATO bzw. EWG [Vorläufer der EU])
  3. Die Einführung des Sozialismus war oktruiert und NICHT autonom. Er wurde quasi im zweiten Weltkrieg „auf den Bajonetten der Sowjets“ installiert. Somit wird auch das Machtmonopol der kommunistischen Partei nicht nur von der eigenen Polizei oder dem eigenen Geheimdienst sondern auch von der Sowjetunion garantiert. Trotz dieser direkten „Befehlsstruktur“ vollzog sich die „Sowjetisierung“ nicht gleichförmig, einiges scheiterte sogar an den Eigenheiten der jeweiligen Länder. Auch muss das direkte Eingreifen der Sowjetunion über den gesamten Zeitraum sich wandelnd gesehen werden. In den Anfangsjahren wurde noch „direkt korrigierend“ eingegriffen (Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956), später kam es durch den „nachlassenden imperialistischen Elan“ bzw. auch durch die vollzogene Installierung der kommunistischen Systeme zu subtileren bis gar keinen Einmischungen mehr. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre werden die Satellitenstaaten dann sogar zu einer „Last“ und das „Mutterland“ war von einem stärkeren Reformwillen ergriffen als die Satelliten. (So wurde z.B. die sowjetische Jugendzeitschrift „Sputnik“ in der DDR verboten, da zu starke reformkommunistische Gedanken transportiert wurden).

Volksdemokratien

Wenig sinnvoller Begriff, da der griech. Begriff „Demokratie“ bereits „Volksherrschaft“ bedeutet. Somit semantischer Unsinn. Jedoch war die Vorgabe des staatssozialistischen Systems, dass das „Volk“, entsprechend der Definition des Sozialismus also vornehmlich Arbeiter und Bauern (Proletariat), besonders vertreten wird. Folglich blieb trotz der sich verändernde Gesellschaftsstruktur der proletarische Fokus erhalten.

Ausblick nächster Termin

Darlegung der „springenden Punkte“ der staatssozialistischen Systeme und deren Gemeinsamkeiten und Entdecken der Variationen. Außerdem Beginn mit der „Vorgeschichte.“

Begriffsliste

Byzanz, kyrillisch, cordon sanitaire, Central European Affairs, Edvard Bene?, New Central Europe, Hegemonie

4 comments so far

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  1. danke florian, für deine mühe, habs mir gleich mal gespeichert, da es sich tatsächlich bei mir heute nicht ausgegangen ist 🙂

  2. hey, von mir auch danke! … bei mir is’ sich die VO heute auch nicht ausgegangen.

  3. Danke Flo, ich konnte echt nicht kommen, da ich zum Einführungsblock für Politwissenschaften musste.

  4. […] Logischerweise ist diese Datei auf dem gleichen Stand, wie der Blog Eintrag vom 5.10.09. […]