2011
04.17

Montag beginnt früh. Immerhin wollen wir in ein eher abgelegenes (und abgelegen heißt hochgebirgiges) Gebiet der Amharerregion fahren, um uns dort das lokale Projekt der “Menschen für Menschen” Stiftung anzusehen. Die Projektregion (die nicht einmal auf Google Maps zu finden ist) heißt “Asagirt” und befindet sich nordöstlich von Addis Abeba. Wieder kämpft sich unser Bus durch Addis Abeba bis zur britischen Botschaft, wo wir die Pressesprecherin der NGO auflesen. Dort merken wir zum ersten Mal, dass nicht alles in Äthiopien “Alles kein Problem” ist.

“No Problem!” ist der wohl am meistgehörte englische Satz in Äthiopien. Sobald er gesagt wird, darf man erhöhte Vorsicht walten lassen. Eine wunderbare Standardantwort auf alle aufkommenden Fragen. Egal ob Taxifahrer, Kellner, Guide oder einfach nur ein Mensch auf der Straße – diese Phrase beherrschen alle. Dicht gefolgt von “I love you too!” bzw. “Hello Mister!”

In Äthiopien herrscht strenges Photoverbot für alle “gefährdeten” bzw. “kriegswichtigen” Einrichtungen. Also alle Ministerien, Botschaften, Brücken oder Kraftwerke. Anders als etwa bei uns in Österreich (Stichwort “Kasernen”) wird dieses Verbot rigoros durchgesetzt. So darf einer unserer Tiroler seine kompletten Photos (zum Glück nur 6 Stück) von den äthiopischen Botschaftswachen kontrollieren lassen, da er es wagte(!), aus dem Bus heraus den Eingang der britischen Botschaft zu photographieren.

Diese Staatskrise überstanden, geht die Fahrt los. Auf einer chinesischen Straße, ein wahrer Highway für afrikanische Verhältnisse, kommen wir gut voran. So gut, dass wir die Abzweigung auf unsere Staubstraße nach Asagirt mehrfach verfehlen. Die Bewohner (und vor allem die Schulkinder) des kleinen Ortes C’ach’a (laut Ortsschild – eines der wenigen, das ich bisher gesehen habe, auch Chawcha) haben dadurch eine Attraktion mehr für diesen Tag. Auf der Fahrt gibt man uns einen kleinen Überblick über die Probleme der Region und wie Menschen für Menschen diese zu lösen versucht.

In der Region Asagirt (und dies ist für die Regionen des äthiopischen Hochlands gut zu verallgemeinern) leidet die Bevölkerung unter zahllosen Problemen:

  • Wasser: Das Wasserproblem ist zweigeteilt. Einerseits ist die Verfügbarkeit an sich schlecht und Frauen (Wasser holen ist Frauenarbeit) müssen oft mehrere Stunden wandern um Wasser holen zu können. Andererseits ist die Wasserqualität selbst oft sehr schlecht, da die Quellen nicht geschützt sind und dementsprechend durch Tiere oder aber durch die Menschen selbst leicht verunreinigt werden können.
  • Bodenerosion: Durch das rasante Bevölkerungswachstum und der fehlenden Nachhaltigkeit bei der Forstwirtschaft ist Äthiopien heute beinahe vollständig gerodet. Holz ist zum einem wichtigstes Baumaterial aber auch Brennstoff. Aus der Not heraus wird dieser nun durch getrockneten Kuhdung ersetzt, der wiederum zur Düngung der Felder fehlt. Durch fehlende Methodik in der Anlage der Felder an den Hängen, die nicht terassiert werden, wird diese Erosion noch verstärkt. Es spielt dabei vor allem die Regenerosion während der Regenzeit, aber auch die starken Fallwinde, eine Rolle.
  • Bevölkerungswachstum: In den letzten Jahrzehnten ist die Bevölkerung des Landes sprunghaft angestiegen. Dies führte rasch zu einer Landknappheit, da in Äthiopien das Modell der Realteilung (männliche Linie) praktiziert wird und so – sobald geteilte Höfe zu klein geworden wären – neues Land von den damaligen Landbesitzern (die äthiopische Orthodoxekirche und der Adel, später der Staat) zugeteilt wurde. Immer öfter mussten dafür für die Landwirtschaft ungeeignete Hänge verwendet werden.
  • Nahrungsmittelversorgung: Durch das lokale “Brot”, injera, ist die Grundnahrungsmittelversorgung – so es zu keinen Dürren kommt – gut. Allerdings sind Vitamin- und Jodmangel keine Seltenheit.
  • Bildung: In Äthiopien gibt es keine Schulpflicht – dennoch besuchen wesentlich mehr als die Hälfte der Kinder eine Schule. Bildung ist auch ein direkter Kampf gegen achaische Rituale und Traditionen, die von Genitalverstümmelung über das Brautstehlen (Entführung junger Mädchen oft gepaart mit Vergewaltigung zur Schaffung von Tatsachen) bis hin zu Kinderehen (~12 Jahre) reichen.

Gegen all diese Probleme versucht Menschen für Menschen anzukämpfen:

  • Wasser: Hier werden entweder bestehende Quellen eingefasst und mit einem Reservoir versehen oder aber an geeigneten Stellen Brunnen gegraben. Der Bereich wird dann zum Schutz vor Tieren eingefriedet. Auch wird die Qualität des Wassers regelmäßig überprüft. Wichtig dabei ist, dass der Brunnen der jeweiligen (Dorf)gemeinschaft gehört und diese darüber bestimmt.
  • Terassierung/Pflanzungen: Um die Bodenerosion zu verhindern, werden einerseits die Hanglagen terassiert, also begradigt. Damit kann bei starken Regenfällen die Humusschicht nicht mehr so leicht fortgespült werden und etwaige Erosion von weiter oben sammelt sich auf dem darunterliegenden Feld an. Außerdem werden an den Feldrändern schnell wachsende Bäume/Sträucher, allen voran der Eukalyptus, der nämlich auch nicht unter Tierfrass leidet, angepflanzt. Die Setzlinge dazu werden in eigenen Baumschulen gezogen.
  • Bevölkerungswachstum: Durch gezielte Geburtenkontrolle, sprich Aufklärung und die freie Gabe von empfängnisverhütenden Mitteln, soll die Anzahl der Kinder beschränkt werden – bei gleichzeitiger Verbesserung der medizinischen Bedingungen für die geborenen Kinder.
  • Bildung: Gemeinsam mit der äthiopischen Regierung, die vor allem die Lehrer stellen muss, werden Schulen errichtet und mit einer “Referenzbibliothek” sowie den notwendigen Schulmöbeln  ausgestattet. Dabei wird versucht jedem Schulkind einen maximale Entfernung von einer Stunde Fußmarsch zu ermöglichen.

Während wir dies alles erklärt bekommen wird unser Fahrer immer nervöser. Durch unsere Irrfahrt fehlt der “nafta”. Das Benzin. Also nochmal zurück rund 20 km zur nächsten Tankstelle. So wird aus der äthiopischen Fahrzeit von 2 Stunden schnell eine fast 5 stündige Tour. Die Staubstraßen sind dabei kriminell. Die Steigung mörderisch. Mit Schneckentempo quält sich der überbeladene Bus die Straßen hinauf, verscheucht Esel und hinterlässt eine Staubwolke. Eine Schule soll unser erstes Ziel sein. Immer hinauf und hinauf führt uns der Weg – bis auf 3200m Höhe. Einige längliche umzäunte Häuser und zahllose Kinder, 402 an der Zahl, lassen uns wissen, dass wir angekommen sind. Wir sind eine Atraktion – 32 Weiße auf einem Haufen hat hier wohl noch niemand gesehen. Die Unbekannten werden von der Weite genau gemustert, es wird gekichert und gelacht – sichtlich sind wir irgendwie lustig. Aber nur einen Wink eines Lehrers (von 12 für 402 Kinder!) braucht es und die Kindermeute verteilt sich in alle Richtungen. Voller Stolz zeigt mir ein Lehrer den “pupils participation park” – ein Modellort, der alles enthält was sich die Kinder wünschen: Eine Kirche, eine Moschee, ein Geschäft, ein Hotel und eine Schule. Wichtig dabei ist das Statussympol schlecht hin: Alle Gebäude sollen ein Wellblechdach haben! Ob der (aus europäischer Sicht) Groteskheit muss ich schmunzeln. An dieser Stelle wird Armut beinahe unbegreifbar. Einen meiner zwei Kugelschreiber gebe ich einem kleinen Jungen, der ihn wie einen Schatz einpackt. Ein Kugelschreiber! Etwas, das in Österreich jedem überall nachgeschmissen wird… Zu guter Letzt besuche ich noch die Toilette. Ein Loch im betonierten Boden aus dem es ekelerregend emporstinkt – aber für die Leute dieser Gegend eine Verbesserung, ja Lebensqualität, darstellt!

Als Nächstes besuchen wir eine Wasserstelle – dabei wird unser Bus von einer Kindermenge verfolgt. Mir selbst ging der Atem schon nach wenigen Höhenmetern wie einem schweren 90 jährigen Kettenraucher. Diesen Kindern auch nach 500m Lauf kaum. Kein Wunder, dass aus diesem Land so viele Marathonläufer kommen. Danach steht Mittagessen am lokalen Hauptquartier von Menschen für Menschen an. Am Nachmittag eine Baumschule, an der ich auch erfahre, dass nicht nur bei Pflanzen sondern auch bei Tieren verstärkt auf Zucht gesetzt wird. Lokale Kühe werden mit der Holstein-Rind gekreuzt. Lokale Rinder haben eine Milchleistung von  ein bis zwei Liter Milch am Tag, eine Menge, die ein europäisches Rind wohl in unter einer Stunde bringen würde. Ich bin an dieser Stelle nicht der erste, der eine Einkreuzung von Pinzgauern vorschlägt… Warum auch immer.

Nach dieser ausgiebigen Tour, bei der wir auch einen Ausblick auf das ostöthiopische Tiefland (~1000 Höhenmeter) geht es wieder hinunter: Ziel ist die Stadt Debre Birhan unser heutiges Nachtquatier. Da unser erstes  Hotel, Hotel Eva, alleine zu klein ist, müssen vier von uns in eine andere Herberge umsiedeln. Ich bin dabei und gemeinsam mit drei Mädels bilde ich einen Außenposten. Beim Abendessen bewahrheitet sich schließlich ein Sprichwort: “An jedem Ort der Welt, trifft man einen Deutschen.” So auch in Debre Birhan. Der nette Herr aus Frankfurt gibt uns praktische Reisetipps. Seine äthiopische Frau bzw. Begleiterin sorgt dafür, dass wir bei der Rechnung nicht über den Tisch gezogen werden.

Gegen Mitternacht war Bettgehen der Plan, doch werde ich nochmal herausgeklopft. Ein Bier in der Stadt soll es noch sein. Gut, ich kann zwei Frauen ja schwer alleine gehen lassen. Hinaus also auf die schlecht beleuchtete Hauptstraße. Am Straßenrand liegen immer wieder Bündel von Stoffen, die sich im Vorübergehen bewegen: obdachlose Menschen, die direkt am Straßenrand schlafen. Höllisch aufpassen muss man, sind doch auch in Debre Birhan die Gehsteige und Straßenränder von Löchern und hervorstehenden Amierungseisen übersät. Schließlich wollen wir die Straße überqueren, in der Mitte der Straße befindet sich eine Fahrbahntrennungstreifen und mit Verwunderung stelle ich fest, dass die Leitplanke nur auf unserer Seite vorhanden ist. Ich philosophiere noch etwas mit “Diese Afrikaner…” Als sich Antonia schon gekonnt über die Leitplanke schwinkt und einen Schritt auf den anderen Fahrbahnstreifen setzt und… fällt. Wohin? Auf die Fahrbahn die an dieser Stelle rund 1,5 Meter tiefer liegt und wir in der Finsternis einfach nicht gesehen haben. Kein Wunder, dass diese Leitplanke einseitig war. Doch zum Glück ist es auch hier wieder “No problem!” – Nichts passiert.

Schließlich finden wir ein offenes Lokal/Verschlag. Eine afrikanische Reggaebar. Kaum drinnen summt mir im Kopf  “I’m a little alien in Debre Birhan.” Sofort stürmt der erste Äthiopier auf uns zu und spricht im akzenthaften Englisch auf mich ein. Eine Prestigefrage, wie ich später herausfinde. Er kann mit den Weißen reden, sozusagen. Ich verstehe jetzt wie sich vor vielen Jahren zwei Kanadierinnen auf dem Feuerwehrball der freiwilligen Feuerwehr Elixhausen gefühlt haben müssen. Wir bestellen drei Bier – sofort wird uns der Preis erklärt: 27 Birr (etwas mehr als 1 Euro) für alle drei. Ein zweiter Gast überwacht den Kellner dann sogar dabei, dass wir auch wirklich unsere 23 Birr zurückbekommen. Ich lade ihn dann auf ein Bier ein, er verweigert es höflich und nur mit alt-gelernter Überzeugungsarbeit nimmt er es schließlich an.

Auf dem Weg zurück bin ich das erste Mal froh über meine zahlreichen Impfungen, auch wenn es respektlos klingen mag. Denn so nah war ich zuvor keinem Einheimischen und so oft war ich sicherlich keinem Schwall  “feuchter Sprache” ausgesetzt, wie in diesem Lokal. Doch ich bin begeistert von der Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Interesse der Jungendlichen (zum großen Teil Studenten) des Städtchens Debre Birhan. Einmal mehr schlafe ich müde auf einem mit “schönsten” Blümchenmuster bezogenen Bett in einem Zimmer ohne Warmwasser und somit ungeduscht ein. Es geht mir nicht ab.

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  1. Ich glaube solche Erfahrungen macht man wirklich nur einmal @Reggaebar in Debre Birhan