2011
04.17

In Amharisch, der “Hauptsprache” Äthiopiens, bedeutet Addis Abeba soviel wie “Neue Blume”. Auch in meiner ersten Nacht erlebe ich viel neues, denn die Geräusche dieser Hauptstadt gleichen sich so gar nicht mit denen einer europäischen. Vom gelegentlichen Autohupen unterlegt, beginnt der Muezzin (oder eher der Lautsprecher) der nahen Moschee das Morgengebet. Unter das Bellen von Hunden mischt sich das Krähen eines Hahns, das plötzlich durch Flugzeuglärm übertönt wird. Vieles lässt sich überhaupt nicht einordnen. Etwa das beständige Klopfen, das ich erst später als das Behauen eines Steins identifizieren kann.

Mit dieser Lebendigkeit einer Stadt in den Ohren wache ich an diesem Tag auf. Duschen und dann frühstücken – das Frühstücksbuffet ist überraschend gut und reichlich. Armut- und Hungerland? Nicht für die Touristen aus Europa. Eier, Toast, Kuchen – dazu frische Ananas- und Mangostücke, zahlreiche Säfte… Weder beim Frühstück noch bei den Zimmern (aber natürlich auch beim Preis) muss das Hotel Adot Tina den Vergleich mit Europa scheuen.

Gemeinsam mit zwei anderen Exkursionsteilnehmern, Christian und Alex, mache ich mich noch Sonntag Vormittag auf die Stadt zu erkunden. Addis Abeba besitzt allerdings kein durchorganisiertes Straßennamensystem. Zur Orientierung dienen einige Hauptstraßen und zentrale Plätze. Von unserem Hotel geht es über die Gabonstreet bis zur Africa Avenue, die aber von allen eigentlich Bole Road genannt wird. Kaum den Hof unseres Hotels verlassen – der zu jeder Tages- und Nachtzeit von mindestens 3 Wächtern bewacht wird, die die Gäste durch britisches Salutieren begrüßen – haben wir Begleiter. Kinder und alte Menschen umringen uns, einmal mehr und einmal weniger. Manche reden auf Amharisch auf uns ein. Wir verstehen kein Wort, allerdings ist eine Geste dabei unmissverständlich und sie begleitet jeden Weißen ständig: Die  nach oben geöffnete, bettelnde Hand. Nach etwa 2/3 der Gabonstreet kreuzt diese die Eisenbahnstrecke zwischen Addis Abeba und Dschibuti. Seit mehr als fünf Jahren ist diese auf Grund von “Reparaturarbeiten” geschlossen. Davon ist wenig zu sehen… Im Gegenteil: Die Gabonstreet wurde direkt über die Eisenbahngleise geteert und die Schienenschneise ist mit Wellblechhütten verbaut. Wellblech säumt ohnehin einen Großteil der Straßen: Als Hütte oder als Zaun, in allen möglichen Farben lackiert, “neu” oder in zahllose Einzelteile zerfranst. Die Gehsteige, die immerhin existieren, sind mit Bruchsteinen übersät. Löcher im Boden von mehr als einem halben Meter Tiefe stören hier niemand. Manchmal stehen auch Amierungseisen hervor. Ich achte also auf jeden einzelnen Schritt und stolpere dennoch hin und wieder, wenn meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gezogen wird. Umso beeindruckender sind die Äthiopierinnen, die zum Teil mit Highheels dieses Terrain bewältigen.

In der Boleroad angekommen wird die Umgebung “edler”, was in etwa soviel bedeutet, wie, dass die Wellblechhütten verschwinden, dafür dichtester Verkehr auftaucht. Auch unser Rattenschwanz wird größer und aufdringlicher. Zu den zurückhaltenden Bettlern mischen sich Schuhputzer und Kaugummiverkäufer. Teilweise wird man auch am Arm berührt und es wird unangenehm. Ich trage meinen Digitalkamera und mein Geld in einer Bauchtasche. Einer der Kaugummiverkäufer, ein kleiner Junge – vielleicht 7 Jahre alt – hält mir aus dem Nichts seine Schachtel genau vor die Körpermitte und beginnt massiv auf mich einzureden. Mir wird es zuviel – ich fühle mich unwohl, ja bedrängt, und schiebe ihn zur Seite. Gerade noch rechtzeitig – meine Bauchtasche hatte er bereits zu einem Viertel geöffnet gehabt, doch fehlen tut mir nichts. Von da an lasse ich niemanden mehr so nahe an mich heran und verzichte in Zukunft auf die Tasche – alles geht in die beiden vorderen Hosentaschen. Dennoch kann ich nicht böse werden, dazu ist alleine die sichtbare Armut zu hoch. Nach dem gescheiterten Versuch wähnt man uns wohl zu vorsichtig – unser Rattenschwanz verlagert sich auf andere unserer Exkursion.

Wir gelangen zum Meskelsquare – dem alten Aufmarschplatz des Derg-Regimes und heute ein zentraler Verkehrsknotenpunkt. Hier finden sich auch zwei der Museen der Stadt und die Touristeninformation. Ein großes Plakat am anderen Ende des Platzes fällt uns ins Auge: “Addis Abeba Grand Fair” steht darauf. Wir entschließen uns dorthin zu gehen. Einige Stufen hinaufgegangen werden wir von einem Sicherheitsmitarbeiter abgetastet, etwas das uns von da an überall begleiten wird. Sei es ein Einkaufszentrum, ein Museum oder eine gehobenere Bar. 5 Birr kostet der Eintritt zu etwas, wovon wir keine Ahnung haben, was es eigentlich sein soll.

Eine Haushaltsmesse verbirgt sich dahinter schließlich. Wir gehen meist nur kopfschüttelnd durch, finden sich doch Ledermöbel in Zelten direkt auf den staubigen Boden gestellt, Teller neben “Air-contitioning (sic!)” usw. Hier finden wir unser erstes Mittagessen. Traditionelles Injera, dessen säuerlicher Geschmack ungewohnt ist. Mir schmeckt es allerdings durchaus und der Preis, 30 Birr (etwas mehr als ein Euro)  für eine Portion, die uns zu dritt reicht, lässt uns Europäer erneut schmunzeln. Nach unserer Essenserfahrung kehren wir zurück ins Hotel, die knapp 3 Stunden in Addis Abebas freier Wildbahn hatten genug Kraft gekostet.

Am späten Nachmittag steht ein Empfang in der Residenz der österreichischen Botschaft an. Dafür haben wir für unsere 32 Personen starke Exkursion einen Bus – der uns auch den Rest der Woche mobil halten wird – mit 28 Sitzen gemietet. Purer Luxus für Afrika – eng für uns Europäer. Einmal quer durch die Stadt fahren wir in eine ungeteerte Nebenstraße in der Nähe der afrikanischen Union ein. Hinter einem Tor, das durch den österreichischen Bundesadler geziert wird, versteckt sich ein kleines Idyll. Ein sauber gepflegter Garten mit einem irgendwie italienisch wirkenden Landhaus. Ein Tennisplatz. Die Botschafterin reicht Kaffee und österreichische Torten. Ein Paradoxon abgetrennt durch Bandstahldraht und bewacht durch mehrere streng wirkende Soldaten. In mir kommt bei dem Empfang das Gefühl auf, dass die Botschafterin und ihr Ehemann richtig froh sind, dass Leute aus der Heimat kommen. Erst  nach Einbruch der Dunkelheit (gegen 19:00) verlassen wir die Residenz. Wieder geht es durch halb Addis zurück und nach einer Besprechung im “Seminarraum”, der wohl hauptsächlich als Ort für Hochzeiten (weiße Sesselbezüge, weiße Tischdecken, goldene Luster…) benutzt wird, werden wir mit der Aussicht auf die nächsten zwei Tage außerhalb von Addis Abeba, bei dem Salzburger Hilfprojekt Menschen für Menschen, entlassen.

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