2011
04.17

Montag beginnt früh. Immerhin wollen wir in ein eher abgelegenes (und abgelegen heißt hochgebirgiges) Gebiet der Amharerregion fahren, um uns dort das lokale Projekt der “Menschen für Menschen” Stiftung anzusehen. Die Projektregion (die nicht einmal auf Google Maps zu finden ist) heißt “Asagirt” und befindet sich nordöstlich von Addis Abeba. Wieder kämpft sich unser Bus durch Addis Abeba bis zur britischen Botschaft, wo wir die Pressesprecherin der NGO auflesen. Dort merken wir zum ersten Mal, dass nicht alles in Äthiopien “Alles kein Problem” ist.

“No Problem!” ist der wohl am meistgehörte englische Satz in Äthiopien. Sobald er gesagt wird, darf man erhöhte Vorsicht walten lassen. Eine wunderbare Standardantwort auf alle aufkommenden Fragen. Egal ob Taxifahrer, Kellner, Guide oder einfach nur ein Mensch auf der Straße – diese Phrase beherrschen alle. Dicht gefolgt von “I love you too!” bzw. “Hello Mister!”

In Äthiopien herrscht strenges Photoverbot für alle “gefährdeten” bzw. “kriegswichtigen” Einrichtungen. Also alle Ministerien, Botschaften, Brücken oder Kraftwerke. Anders als etwa bei uns in Österreich (Stichwort “Kasernen”) wird dieses Verbot rigoros durchgesetzt. So darf einer unserer Tiroler seine kompletten Photos (zum Glück nur 6 Stück) von den äthiopischen Botschaftswachen kontrollieren lassen, da er es wagte(!), aus dem Bus heraus den Eingang der britischen Botschaft zu photographieren.

Diese Staatskrise überstanden, geht die Fahrt los. Auf einer chinesischen Straße, ein wahrer Highway für afrikanische Verhältnisse, kommen wir gut voran. So gut, dass wir die Abzweigung auf unsere Staubstraße nach Asagirt mehrfach verfehlen. Die Bewohner (und vor allem die Schulkinder) des kleinen Ortes C’ach’a (laut Ortsschild – eines der wenigen, das ich bisher gesehen habe, auch Chawcha) haben dadurch eine Attraktion mehr für diesen Tag. Auf der Fahrt gibt man uns einen kleinen Überblick über die Probleme der Region und wie Menschen für Menschen diese zu lösen versucht.

In der Region Asagirt (und dies ist für die Regionen des äthiopischen Hochlands gut zu verallgemeinern) leidet die Bevölkerung unter zahllosen Problemen:

  • Wasser: Das Wasserproblem ist zweigeteilt. Einerseits ist die Verfügbarkeit an sich schlecht und Frauen (Wasser holen ist Frauenarbeit) müssen oft mehrere Stunden wandern um Wasser holen zu können. Andererseits ist die Wasserqualität selbst oft sehr schlecht, da die Quellen nicht geschützt sind und dementsprechend durch Tiere oder aber durch die Menschen selbst leicht verunreinigt werden können.
  • Bodenerosion: Durch das rasante Bevölkerungswachstum und der fehlenden Nachhaltigkeit bei der Forstwirtschaft ist Äthiopien heute beinahe vollständig gerodet. Holz ist zum einem wichtigstes Baumaterial aber auch Brennstoff. Aus der Not heraus wird dieser nun durch getrockneten Kuhdung ersetzt, der wiederum zur Düngung der Felder fehlt. Durch fehlende Methodik in der Anlage der Felder an den Hängen, die nicht terassiert werden, wird diese Erosion noch verstärkt. Es spielt dabei vor allem die Regenerosion während der Regenzeit, aber auch die starken Fallwinde, eine Rolle.
  • Bevölkerungswachstum: In den letzten Jahrzehnten ist die Bevölkerung des Landes sprunghaft angestiegen. Dies führte rasch zu einer Landknappheit, da in Äthiopien das Modell der Realteilung (männliche Linie) praktiziert wird und so – sobald geteilte Höfe zu klein geworden wären – neues Land von den damaligen Landbesitzern (die äthiopische Orthodoxekirche und der Adel, später der Staat) zugeteilt wurde. Immer öfter mussten dafür für die Landwirtschaft ungeeignete Hänge verwendet werden.
  • Nahrungsmittelversorgung: Durch das lokale “Brot”, injera, ist die Grundnahrungsmittelversorgung – so es zu keinen Dürren kommt – gut. Allerdings sind Vitamin- und Jodmangel keine Seltenheit.
  • Bildung: In Äthiopien gibt es keine Schulpflicht – dennoch besuchen wesentlich mehr als die Hälfte der Kinder eine Schule. Bildung ist auch ein direkter Kampf gegen achaische Rituale und Traditionen, die von Genitalverstümmelung über das Brautstehlen (Entführung junger Mädchen oft gepaart mit Vergewaltigung zur Schaffung von Tatsachen) bis hin zu Kinderehen (~12 Jahre) reichen.

Gegen all diese Probleme versucht Menschen für Menschen anzukämpfen:

  • Wasser: Hier werden entweder bestehende Quellen eingefasst und mit einem Reservoir versehen oder aber an geeigneten Stellen Brunnen gegraben. Der Bereich wird dann zum Schutz vor Tieren eingefriedet. Auch wird die Qualität des Wassers regelmäßig überprüft. Wichtig dabei ist, dass der Brunnen der jeweiligen (Dorf)gemeinschaft gehört und diese darüber bestimmt.
  • Terassierung/Pflanzungen: Um die Bodenerosion zu verhindern, werden einerseits die Hanglagen terassiert, also begradigt. Damit kann bei starken Regenfällen die Humusschicht nicht mehr so leicht fortgespült werden und etwaige Erosion von weiter oben sammelt sich auf dem darunterliegenden Feld an. Außerdem werden an den Feldrändern schnell wachsende Bäume/Sträucher, allen voran der Eukalyptus, der nämlich auch nicht unter Tierfrass leidet, angepflanzt. Die Setzlinge dazu werden in eigenen Baumschulen gezogen.
  • Bevölkerungswachstum: Durch gezielte Geburtenkontrolle, sprich Aufklärung und die freie Gabe von empfängnisverhütenden Mitteln, soll die Anzahl der Kinder beschränkt werden – bei gleichzeitiger Verbesserung der medizinischen Bedingungen für die geborenen Kinder.
  • Bildung: Gemeinsam mit der äthiopischen Regierung, die vor allem die Lehrer stellen muss, werden Schulen errichtet und mit einer “Referenzbibliothek” sowie den notwendigen Schulmöbeln  ausgestattet. Dabei wird versucht jedem Schulkind einen maximale Entfernung von einer Stunde Fußmarsch zu ermöglichen.

Während wir dies alles erklärt bekommen wird unser Fahrer immer nervöser. Durch unsere Irrfahrt fehlt der “nafta”. Das Benzin. Also nochmal zurück rund 20 km zur nächsten Tankstelle. So wird aus der äthiopischen Fahrzeit von 2 Stunden schnell eine fast 5 stündige Tour. Die Staubstraßen sind dabei kriminell. Die Steigung mörderisch. Mit Schneckentempo quält sich der überbeladene Bus die Straßen hinauf, verscheucht Esel und hinterlässt eine Staubwolke. Eine Schule soll unser erstes Ziel sein. Immer hinauf und hinauf führt uns der Weg – bis auf 3200m Höhe. Einige längliche umzäunte Häuser und zahllose Kinder, 402 an der Zahl, lassen uns wissen, dass wir angekommen sind. Wir sind eine Atraktion – 32 Weiße auf einem Haufen hat hier wohl noch niemand gesehen. Die Unbekannten werden von der Weite genau gemustert, es wird gekichert und gelacht – sichtlich sind wir irgendwie lustig. Aber nur einen Wink eines Lehrers (von 12 für 402 Kinder!) braucht es und die Kindermeute verteilt sich in alle Richtungen. Voller Stolz zeigt mir ein Lehrer den “pupils participation park” – ein Modellort, der alles enthält was sich die Kinder wünschen: Eine Kirche, eine Moschee, ein Geschäft, ein Hotel und eine Schule. Wichtig dabei ist das Statussympol schlecht hin: Alle Gebäude sollen ein Wellblechdach haben! Ob der (aus europäischer Sicht) Groteskheit muss ich schmunzeln. An dieser Stelle wird Armut beinahe unbegreifbar. Einen meiner zwei Kugelschreiber gebe ich einem kleinen Jungen, der ihn wie einen Schatz einpackt. Ein Kugelschreiber! Etwas, das in Österreich jedem überall nachgeschmissen wird… Zu guter Letzt besuche ich noch die Toilette. Ein Loch im betonierten Boden aus dem es ekelerregend emporstinkt – aber für die Leute dieser Gegend eine Verbesserung, ja Lebensqualität, darstellt!

Als Nächstes besuchen wir eine Wasserstelle – dabei wird unser Bus von einer Kindermenge verfolgt. Mir selbst ging der Atem schon nach wenigen Höhenmetern wie einem schweren 90 jährigen Kettenraucher. Diesen Kindern auch nach 500m Lauf kaum. Kein Wunder, dass aus diesem Land so viele Marathonläufer kommen. Danach steht Mittagessen am lokalen Hauptquartier von Menschen für Menschen an. Am Nachmittag eine Baumschule, an der ich auch erfahre, dass nicht nur bei Pflanzen sondern auch bei Tieren verstärkt auf Zucht gesetzt wird. Lokale Kühe werden mit der Holstein-Rind gekreuzt. Lokale Rinder haben eine Milchleistung von  ein bis zwei Liter Milch am Tag, eine Menge, die ein europäisches Rind wohl in unter einer Stunde bringen würde. Ich bin an dieser Stelle nicht der erste, der eine Einkreuzung von Pinzgauern vorschlägt… Warum auch immer.

Nach dieser ausgiebigen Tour, bei der wir auch einen Ausblick auf das ostöthiopische Tiefland (~1000 Höhenmeter) geht es wieder hinunter: Ziel ist die Stadt Debre Birhan unser heutiges Nachtquatier. Da unser erstes  Hotel, Hotel Eva, alleine zu klein ist, müssen vier von uns in eine andere Herberge umsiedeln. Ich bin dabei und gemeinsam mit drei Mädels bilde ich einen Außenposten. Beim Abendessen bewahrheitet sich schließlich ein Sprichwort: “An jedem Ort der Welt, trifft man einen Deutschen.” So auch in Debre Birhan. Der nette Herr aus Frankfurt gibt uns praktische Reisetipps. Seine äthiopische Frau bzw. Begleiterin sorgt dafür, dass wir bei der Rechnung nicht über den Tisch gezogen werden.

Gegen Mitternacht war Bettgehen der Plan, doch werde ich nochmal herausgeklopft. Ein Bier in der Stadt soll es noch sein. Gut, ich kann zwei Frauen ja schwer alleine gehen lassen. Hinaus also auf die schlecht beleuchtete Hauptstraße. Am Straßenrand liegen immer wieder Bündel von Stoffen, die sich im Vorübergehen bewegen: obdachlose Menschen, die direkt am Straßenrand schlafen. Höllisch aufpassen muss man, sind doch auch in Debre Birhan die Gehsteige und Straßenränder von Löchern und hervorstehenden Amierungseisen übersät. Schließlich wollen wir die Straße überqueren, in der Mitte der Straße befindet sich eine Fahrbahntrennungstreifen und mit Verwunderung stelle ich fest, dass die Leitplanke nur auf unserer Seite vorhanden ist. Ich philosophiere noch etwas mit “Diese Afrikaner…” Als sich Antonia schon gekonnt über die Leitplanke schwinkt und einen Schritt auf den anderen Fahrbahnstreifen setzt und… fällt. Wohin? Auf die Fahrbahn die an dieser Stelle rund 1,5 Meter tiefer liegt und wir in der Finsternis einfach nicht gesehen haben. Kein Wunder, dass diese Leitplanke einseitig war. Doch zum Glück ist es auch hier wieder “No problem!” – Nichts passiert.

Schließlich finden wir ein offenes Lokal/Verschlag. Eine afrikanische Reggaebar. Kaum drinnen summt mir im Kopf  “I’m a little alien in Debre Birhan.” Sofort stürmt der erste Äthiopier auf uns zu und spricht im akzenthaften Englisch auf mich ein. Eine Prestigefrage, wie ich später herausfinde. Er kann mit den Weißen reden, sozusagen. Ich verstehe jetzt wie sich vor vielen Jahren zwei Kanadierinnen auf dem Feuerwehrball der freiwilligen Feuerwehr Elixhausen gefühlt haben müssen. Wir bestellen drei Bier – sofort wird uns der Preis erklärt: 27 Birr (etwas mehr als 1 Euro) für alle drei. Ein zweiter Gast überwacht den Kellner dann sogar dabei, dass wir auch wirklich unsere 23 Birr zurückbekommen. Ich lade ihn dann auf ein Bier ein, er verweigert es höflich und nur mit alt-gelernter Überzeugungsarbeit nimmt er es schließlich an.

Auf dem Weg zurück bin ich das erste Mal froh über meine zahlreichen Impfungen, auch wenn es respektlos klingen mag. Denn so nah war ich zuvor keinem Einheimischen und so oft war ich sicherlich keinem Schwall  “feuchter Sprache” ausgesetzt, wie in diesem Lokal. Doch ich bin begeistert von der Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Interesse der Jungendlichen (zum großen Teil Studenten) des Städtchens Debre Birhan. Einmal mehr schlafe ich müde auf einem mit “schönsten” Blümchenmuster bezogenen Bett in einem Zimmer ohne Warmwasser und somit ungeduscht ein. Es geht mir nicht ab.

2011
04.17

In Amharisch, der “Hauptsprache” Äthiopiens, bedeutet Addis Abeba soviel wie “Neue Blume”. Auch in meiner ersten Nacht erlebe ich viel neues, denn die Geräusche dieser Hauptstadt gleichen sich so gar nicht mit denen einer europäischen. Vom gelegentlichen Autohupen unterlegt, beginnt der Muezzin (oder eher der Lautsprecher) der nahen Moschee das Morgengebet. Unter das Bellen von Hunden mischt sich das Krähen eines Hahns, das plötzlich durch Flugzeuglärm übertönt wird. Vieles lässt sich überhaupt nicht einordnen. Etwa das beständige Klopfen, das ich erst später als das Behauen eines Steins identifizieren kann.

Mit dieser Lebendigkeit einer Stadt in den Ohren wache ich an diesem Tag auf. Duschen und dann frühstücken – das Frühstücksbuffet ist überraschend gut und reichlich. Armut- und Hungerland? Nicht für die Touristen aus Europa. Eier, Toast, Kuchen – dazu frische Ananas- und Mangostücke, zahlreiche Säfte… Weder beim Frühstück noch bei den Zimmern (aber natürlich auch beim Preis) muss das Hotel Adot Tina den Vergleich mit Europa scheuen.

Gemeinsam mit zwei anderen Exkursionsteilnehmern, Christian und Alex, mache ich mich noch Sonntag Vormittag auf die Stadt zu erkunden. Addis Abeba besitzt allerdings kein durchorganisiertes Straßennamensystem. Zur Orientierung dienen einige Hauptstraßen und zentrale Plätze. Von unserem Hotel geht es über die Gabonstreet bis zur Africa Avenue, die aber von allen eigentlich Bole Road genannt wird. Kaum den Hof unseres Hotels verlassen – der zu jeder Tages- und Nachtzeit von mindestens 3 Wächtern bewacht wird, die die Gäste durch britisches Salutieren begrüßen – haben wir Begleiter. Kinder und alte Menschen umringen uns, einmal mehr und einmal weniger. Manche reden auf Amharisch auf uns ein. Wir verstehen kein Wort, allerdings ist eine Geste dabei unmissverständlich und sie begleitet jeden Weißen ständig: Die  nach oben geöffnete, bettelnde Hand. Nach etwa 2/3 der Gabonstreet kreuzt diese die Eisenbahnstrecke zwischen Addis Abeba und Dschibuti. Seit mehr als fünf Jahren ist diese auf Grund von “Reparaturarbeiten” geschlossen. Davon ist wenig zu sehen… Im Gegenteil: Die Gabonstreet wurde direkt über die Eisenbahngleise geteert und die Schienenschneise ist mit Wellblechhütten verbaut. Wellblech säumt ohnehin einen Großteil der Straßen: Als Hütte oder als Zaun, in allen möglichen Farben lackiert, “neu” oder in zahllose Einzelteile zerfranst. Die Gehsteige, die immerhin existieren, sind mit Bruchsteinen übersät. Löcher im Boden von mehr als einem halben Meter Tiefe stören hier niemand. Manchmal stehen auch Amierungseisen hervor. Ich achte also auf jeden einzelnen Schritt und stolpere dennoch hin und wieder, wenn meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gezogen wird. Umso beeindruckender sind die Äthiopierinnen, die zum Teil mit Highheels dieses Terrain bewältigen.

In der Boleroad angekommen wird die Umgebung “edler”, was in etwa soviel bedeutet, wie, dass die Wellblechhütten verschwinden, dafür dichtester Verkehr auftaucht. Auch unser Rattenschwanz wird größer und aufdringlicher. Zu den zurückhaltenden Bettlern mischen sich Schuhputzer und Kaugummiverkäufer. Teilweise wird man auch am Arm berührt und es wird unangenehm. Ich trage meinen Digitalkamera und mein Geld in einer Bauchtasche. Einer der Kaugummiverkäufer, ein kleiner Junge – vielleicht 7 Jahre alt – hält mir aus dem Nichts seine Schachtel genau vor die Körpermitte und beginnt massiv auf mich einzureden. Mir wird es zuviel – ich fühle mich unwohl, ja bedrängt, und schiebe ihn zur Seite. Gerade noch rechtzeitig – meine Bauchtasche hatte er bereits zu einem Viertel geöffnet gehabt, doch fehlen tut mir nichts. Von da an lasse ich niemanden mehr so nahe an mich heran und verzichte in Zukunft auf die Tasche – alles geht in die beiden vorderen Hosentaschen. Dennoch kann ich nicht böse werden, dazu ist alleine die sichtbare Armut zu hoch. Nach dem gescheiterten Versuch wähnt man uns wohl zu vorsichtig – unser Rattenschwanz verlagert sich auf andere unserer Exkursion.

Wir gelangen zum Meskelsquare – dem alten Aufmarschplatz des Derg-Regimes und heute ein zentraler Verkehrsknotenpunkt. Hier finden sich auch zwei der Museen der Stadt und die Touristeninformation. Ein großes Plakat am anderen Ende des Platzes fällt uns ins Auge: “Addis Abeba Grand Fair” steht darauf. Wir entschließen uns dorthin zu gehen. Einige Stufen hinaufgegangen werden wir von einem Sicherheitsmitarbeiter abgetastet, etwas das uns von da an überall begleiten wird. Sei es ein Einkaufszentrum, ein Museum oder eine gehobenere Bar. 5 Birr kostet der Eintritt zu etwas, wovon wir keine Ahnung haben, was es eigentlich sein soll.

Eine Haushaltsmesse verbirgt sich dahinter schließlich. Wir gehen meist nur kopfschüttelnd durch, finden sich doch Ledermöbel in Zelten direkt auf den staubigen Boden gestellt, Teller neben “Air-contitioning (sic!)” usw. Hier finden wir unser erstes Mittagessen. Traditionelles Injera, dessen säuerlicher Geschmack ungewohnt ist. Mir schmeckt es allerdings durchaus und der Preis, 30 Birr (etwas mehr als ein Euro)  für eine Portion, die uns zu dritt reicht, lässt uns Europäer erneut schmunzeln. Nach unserer Essenserfahrung kehren wir zurück ins Hotel, die knapp 3 Stunden in Addis Abebas freier Wildbahn hatten genug Kraft gekostet.

Am späten Nachmittag steht ein Empfang in der Residenz der österreichischen Botschaft an. Dafür haben wir für unsere 32 Personen starke Exkursion einen Bus – der uns auch den Rest der Woche mobil halten wird – mit 28 Sitzen gemietet. Purer Luxus für Afrika – eng für uns Europäer. Einmal quer durch die Stadt fahren wir in eine ungeteerte Nebenstraße in der Nähe der afrikanischen Union ein. Hinter einem Tor, das durch den österreichischen Bundesadler geziert wird, versteckt sich ein kleines Idyll. Ein sauber gepflegter Garten mit einem irgendwie italienisch wirkenden Landhaus. Ein Tennisplatz. Die Botschafterin reicht Kaffee und österreichische Torten. Ein Paradoxon abgetrennt durch Bandstahldraht und bewacht durch mehrere streng wirkende Soldaten. In mir kommt bei dem Empfang das Gefühl auf, dass die Botschafterin und ihr Ehemann richtig froh sind, dass Leute aus der Heimat kommen. Erst  nach Einbruch der Dunkelheit (gegen 19:00) verlassen wir die Residenz. Wieder geht es durch halb Addis zurück und nach einer Besprechung im “Seminarraum”, der wohl hauptsächlich als Ort für Hochzeiten (weiße Sesselbezüge, weiße Tischdecken, goldene Luster…) benutzt wird, werden wir mit der Aussicht auf die nächsten zwei Tage außerhalb von Addis Abeba, bei dem Salzburger Hilfprojekt Menschen für Menschen, entlassen.

2011
04.15

Abschiede sind schwer – selbst für etwas weniger als 2 1/2 Wochen. Da ist eine gründliche Sicherheitskontrolle genau das richtige um abgelenkt zu werden. Wer hätte den Anteil an Metall im Feldschuh Leicht des österreichischen Bundesheeres auf so hoch geschätzt, dass er extra durchleuchtet werden muss? Zur Beruhigung: Das Laufmittel des österreichischen Soldaten zählt noch immer zu den erlaubten Gegenständen an Bord eines Flugzeuges.

Der Flughafen München ist groß genug, dass es zusätzliche Zwischen”checkpoints” zwischen den einzelnen Gates gibt. Und wer hätte es gedacht? Die Betreibergesellschaft nimmt Anleihe an der Deutschen Bahn und spielt Flugpassagiertetris und ändert das Gate. Wenn auch nur einmal. Das müssen sie wohl noch üben oder einen Workshop bei der Bahn machen. Langsam kommt dieses Krippeln hoch und man geht im Geiste nochmal alles durch… doch die Kommilitonen lenken nur allzu bald davon ab. Wartezeit verfliegt und schon bittet die türkische Luftlinie zum Boarding “auf einer Außenposition.” Also doch nochmal Bus bevors zum Fliegen wird.

Ein Platz an einem Notausstieg soll es sein, aber auch nur, wenn ich mich der Verantwortung gewachsen sehe “im Notfall nach außen zu beobachten und meine Mitpassagiere zum Notausstieg zu weisen.” Klar doch. Wird gemacht. Bis mich die freundliche Frage “Beef or Chicken?” weckt, ist nochmal Schlafen angesagt. Nach einem erstaunlich annehmbar schmeckenden “Beef” (mit aufgemalten Grillspuren, so sah es zumindest aus) sinkt die Maschine auch schon wieder: Istanbul ist nicht mehr weit.

Zum ersten Mal bin ich “international transit passenger” und darf statt zum Gepäck wieder in die duty free zone. Toll ist es da in Istanbul: Preise sind ohnehin alle nur noch mit Euro ausgeschildert und astronomisch. So eine Coladose um vier Euro schmeckt dann schon besonders… nach Luxus. So können sich drei Stunden Aufenthalt ziehen – aber wer will sich beschweren? Stimmung ist super unter der immer größer werdenden Reisetruppe der Universitäten Salzburg und Innsbruck.

Wieder wird zum Boarding gerufen und wieder wird die Ungefährlichkeit des Feldstiefels Leicht überprüft. Auch in der Türkei gilt er nicht als Waffe. Glück gehabt. Die Passagiere für diesen Flug haben sich stark verändert. Die erste afrikanische (inzwischen weiß ich es genauer, äthiopische) Tracht mischt sich darunter. Auch wird der mittlere Hautfarbton… dunkler. Keine Verantwortung über einen Notausstieg diesmal, dafür nur eine andere Person in meiner Economyclassreihe. Ein dunkelhäutiger Mann, der sich wenig später als mein erster äthiopischer Bekannter herausstellen wird: Ein Professor an der Universität von Addis Abeba, gerade auf dem Rückflug von einem Kongress der EU in Brüssel, der mir im Nebenher seine Telefonnummer mitgibt und freundlich darauf hinweist, dass ich jederzeit anrufen könne, wenn es Probleme geben sollte. Ich hoffe nach wie vor, dass mein etwas staunender Mund nicht zu weit offen gestanden hat.

Die Dunkelheit der Sahara ist fast beängstigend. Nach dem Lichtermeer von Kairo folgen immer wieder Phasen von  Schwärze am Boden – nur wenn der Nil erneut in Sichtweite gerät, gibt es ein schimmerndes Band am Boden. Die Stunden nach 22:00 verrinnen zäh… über zwölf Stunden unterwegs und zum ersten Mal im Leben im Luftraum eines anderen Kontinents.

Die Lichter der riesigen Stadt Addis Abeba sind dann auf einmal unter uns, während das Flugzeug in die Landephase tritt. Aufgesetzt und ins Sichtfeld kommt auch schon ein Terminal und ein Tower, die überall auf der Welt stehen könnten. Auch das Innenleben könnte überall – nein! halt! – kann es nicht. Denn seltsam verschlungene Buchstaben zieren die Hinweisschilder über oder unter dem Englischen. Amharische Schrift, wie ich schon weiß. Absolut unlesbar und doch von einer angenehmen Ästhetik. Ich folge der Masse nach… und gelange an einen Ort, der mit Schreibpulten gefüllt ist. Hier muss jeder ankommende Passagier ein Meldeblatt ausfüllen – doch die Angaben sind alle auf Amharisch – aber zum Glück auch auf Englisch, wenn man es umdreht. Ein eigener Anweiser schickt nach kurzem Anstellen in einer Schlange, die internationaler nicht sein könnte – von Dänen über tief verschleierten Araberinnen bis hin zu Nigerianern -, zur Passkontrolle. Die Schalter sind abgenutzt, ja fast ein wenig dreckig, aber neben der jungen äthiopischen Grenzbeamtin reckt ein modernes Webcamauge sich zu einem empor. Was ein Gegensatz. “Okay, you can go.”, ertönt es. Ich gehe durch eine gewönliche Bürotüre weiter zu den Gepäckförderbändern auf denen mein Rucksack mit seinen 18,7kg seine Runden dreht. Schon länger wohl. Denn alleine bis hier hin ist eine Stunde vergangen.

Ein Schild mit der Aufschrift “Austrian Group” bringt mich zu unserem Abholer. Ein klein gewachsener Mann, der aber durchaus gutes Englisch beherrscht, übernimmt die inzwischen gut 20 Mann (und Frau) starke Gruppe. Hinaus geht es vor den Flughafen und eine kühle Luft schlägt einem entgegen. Keine Spur von der “dünnen” Höhenluft von 2300m… glaube ich zumindest.

Auf gehts ins Hotel. Die Finsternis der Nacht versteckt Addis vor unseren Blicken. Nur die Leuchtreklame und der Verkehr lassen sich beobachten. Das erstere ist international… Coca Cola, Pepsi, Banken, Apotheken… das zweitere ist gewöhnungsbedürftiger… doch der mangelnde Verkehr verdeckt das wahre Ausmaß afrikanischer Autofahrerkunst (noch).

Der Lobbyeingang des Hotels ist freundlich und sauber… Jetzt heißt es Zimmereinteilung! Die Uhr zeigt 2:30 bereits… Wohin die Zeit verschwindet. Und da ist es wieder! Hotelgästetetris diesmal:

Zuerst heißt es, ich hätte den Schlüssel schon bekommen. Was ich nicht habe… Dann bekomme ich einen Ersatzschlüssel und mache mich auf in Richtung Zimmer. Zweiter Stock. 18,7kg und da schlägt sie ein die Luft comprare cialis genérico. Schwerer atmend als erwartet öffne ich die Tür polternd  – der überrascht-synchrone Schrei zweier Frauen lässt mich in der Bewegung einfrieren. In diesem Zimmer werde ich heute nacht nicht schlafen. Also wieder hinunter… Ein weiteres Zimmer, diesmal im vierten Stock. Belegt. Wieder hinunter. Alle guten Dinge sind drei… endlich einen Raum.

Ein “St. George’s Beer of Ethiopia” und eine Wasserflasche kaufe ich mir dann noch, mit den gewechselten Birr. Eine komische Währung, deren Besonderheiten mir erst in den nächsten Tagen auffallen wird. Das Bier ist herrlich… Nicht so wie das in der Dose (ich würde es ja Castorbehältnis nennen) transportierte Heineikken oder Carlsberg.

Trotz einstündiger Zeitverschiebung, einer 18 stündigen Reise, Höhenluft und Zimmerodysee falle ich um 03:20 zufrieden ins Bett und versuche in meine erste Restnacht in Addis Abeba einzuschlafen. Doch das wird schwieriger als gedacht…

2011
04.14

Wann beginnt eine Reise? Mit dem ersten Schritt vor die Tür? Oder sobald man “Bekanntes” verlässt? Kann die Fahrt von “sich” zu Hause zur Freundin schon als Reisebeginn gesehen werden?

Aber es ist nunmal anders, wenn man nach einem stressigen Unitag noch schnell von eigenem Bruder zum Bahnhof verfrachtet wird, sich sein Bayernticket löst und dabei einen, nein zwei Rucksäcke, mit 18,7kg auf dem Rücken trägt. Oder wenn sich der nagelneue Reisepass mit einem äthiopischen Visum in der sonst nie benutzten Bauchtasche befindet, wie auch der internationale Impfausweis, der innerhalb weniger Wochen soviele neue Einträge bekommen hat, wie in 10 Jahren davor nicht.

Und so stehe ich also an einem für Mitte April ungewöhnlich warmen Donnerstagabend am Bahnsteig 23 des gerade sich im Umbau befindenden Salzburger Hauptbahnhof. Als kleines Abschiedsgeschenk hat sich die Deutsche Bahn ein Spiel ausgedacht: Zugfahrertetris.

Zugfahrertretris spielt das könnende Bahnunternehmen so: Man lässt einen Zug aus “betrieblichen” Gründen ausfallen und macht damit die Zugreisenden mit einer Stunde Wartezeit mürbe. Dann lässt man auch den nächsten Zug streichen, nur um ihn durch einen Ersatzzug zu ersetzen. Für diesen ändert man dann 15 Minuten vor Abfahrt das Gleis. Fünf Minuten vor Abfahrt macht der wahre Meister dies wieder rückgängig und lässt einen Ersatz(!)zug “ausnahmsweise” vom ursprünglichen Gleis abfahren. Dieser fährt dann aber auch nur über die Staatsgrenze, wo dann erneut umgestiegen wird.

Statt 23:30 wird es 00:40, bis ich meine Füße auf das Ingolstädter Bahngelände setzen kann. Aber als erfahrener Bahnfahrer ärgert man sich nicht, sondern freut sich auf die 32 Stunden, die man so dennoch bei seiner Freundin verbringen kann.

Ein großer Eisbecher, eine Geburtstagsgrillparty eines Freundes und die Frage, ob die Beziehung zu einem Österreicher für eine angehende Beamtin im bayrischen Staatsdienst mit der notwendigen “bejahenden Einstellung zur Verfassung des Freistaates Bayern” vereinbar ist, lässt auch diese letzte Frist vor dem Abflug wie rasend vergehen. Schon sitze  ich Samstag-Früh im Auto in Richtung Flughafen München und wenig später stehe ich in der Schlange vor dem Check-in der Turkish Airlines. Während es für mich zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder fliegen heißt und ich “weg” fliege, stehen die meist älteren Herren und Damen wohl aus gegenteiligem Grund an: Heimaturlaub in der Türkei für jene, die doch eigentlich nur wenige Jahre in Deutschland bleiben wollten und dann doch geblieben sind…

Mit der erfolgreichen Abgabe meines Gepäcks auf unsichere Wege beginnt die Reise nun endgültig… Äthiopien ist nur noch zwei Flieger entfernt.

Ich werde versuchen die zahllosen Eindrücke und Erfahrungen aus der Äthiopienexkursion hier weiter zu veröffentlichen. Da weder Internet noch PCs immer sehr stabil laufen, kann sich dies natürlich verzögern…